Valle Verzasca

Der Ursprung des Tals der Verzasca (von „verde aqua“ = das grüne Wasser) im Tessin liegt auf der Südseite des Gotthard-Massivs in der Schweiz. Viele Rinnsale versammeln sich dort oben auf 2.800 Metern zu jenem Fluss, der Verzasca genannt wird. Einst bauten sich mächtige Gletscher für ihre Wasser ein Bett, indem sie das Grundgestein, welches aus Gneis und Granit besteht, im Laufe unermesslicher Zeiträume gründlich frästen, hobelten und schliffen. Auf etwa 30 Kilometern Länge hüpft, gurgelt und sprudelt heute der Fluss mit starkem Gefälle über alle steinernen Hindernisse, um endlich weiter talwärts im schon lieblich-mediterranen Lago Maggiore zur Ruhe zu kommen.


Besonders in den mittleren Talabschnitten, in der näheren Umgebung des Weilers Lavertezzo, wird es spektakulär: Hier hat die nun schon viele Millionen Jahre alte Arbeit der Natur in dem stark von rotockrigen Bändern und weißen Quarzadern durchsetzten grauen Gneis zahlreiche Rinnen und Mulden ausgewaschen und eine wahre Orgie mäandernder Formen, Reliefs und Skulpturen hinterlassen.


Es ist normal, dass man sich zunächst einlesen muss in eine Landschaft, um über das nur Pittoreske hinauszugelangen. Man wandert, will zunächst einmal möglichst viel sehen und alles erkunden. Das Auge in Bewegung. Wie er bald feststellte, waren es, (wie schon bei den Schiefern im Harz) weniger die großen Landschaftspanoramen, die ihn hier lockten, sondern vielmehr sind es die Nahsichten, manchmal „nur“ mikrokosmische Details, bei denen er immer wieder verweilte. Er fotografierte unentwegt. Gründlich erkundete er das Flussbett und seine Uferzonen, sprang und kletterte über Felsenbänke, wo das schnell dahin strömende Wasser es nur zuließ.


Alles hier war rundgewaschen, in den vielen Mulden des Gesteins, oft Gletschermühlen ähnlich, sammelten sich Wasser. Hunderte Ovale, in denen sich der Himmel spiegelt – Augen einer Landschaft. Und überall dieses lebendige Gestein, seine zwischen Grau und Goldocker wechselnden Farben und Strukturen, weiße Quarzadern, mal haarfein, dann wieder mächtig breit, wie sie den Fluss querten, wie sie sacht abtauchten in die Tiefe einer Wasserfarbe, die wohl nur durch zarte Lasuren aus Coelinblau im Wechsel mit Gelbtönen künstlerisch wieder auferstehen könnte. Solch schöne Türkis- und Smaragdtöne hatte er niemals zuvor irgendwo gesehen…


Auf der Heimfahrt, kurz bevor er den San Bernardino-Pass querte und das Tessin verließ, machte er eine kurze Rast, um Abschied zu nehmen. Lange und versonnen blickte er ins Tal zurück. Ja, er würde schon bald wiederkommen.


Aber zuerst wollten die vielen neuen Eindrücke verarbeitet werden. Vermutlich würde es eine Weile dauern, das neue Spielfeld anhand des entstandenen Fotomaterials künstlerisch daheim zu durchdringen und die handwerklichen Mittel, vor allem die Malerei mit der Wasserfarbe, auf diese Landschaft abzustimmen…


Nach dem Harz also die Alpen. Folgerichtig.

08-VV – am anderen Ufer